Gesundheitsberater:in – Mein erstes Beratungsgespräch

Der Moment, in dem die Theorie der Ausbildung endlich auf die Praxis trifft, ist für viele angehende Gesundheitsberater:innen ein Meilenstein. Nach Wochen oder Monaten des Lernens steht nun der oder die erste echte Klient:in bevor. Es ist ein Moment voller Vorfreude, der jedoch oft auch von einer spürbaren Nervosität begleitet wird.

„Als ich vor über 40 Jahren meine ersten Klienten in meiner Praxis begrüßt habe, ging es mir nicht anders: Die Angst, dem Gegenüber nicht sofort die perfekte Lösung präsentieren zu können, war mein ständiger Begleiter. Heute weiß ich aus über vier Jahrzehnten Praxis- und Dozentenerfahrung: Diese leichte Unruhe zeigt letztlich nur, wie wichtig einem die Qualität der Arbeit und das Wohlbefinden der Klienten ist.“
– Dr. Heidi Braunewell, leitende Dozentin der Weiterbildung „Gesundheitsberater:in (IHK)“

In der professionellen Gesundheitsberatung geht es im ersten Gespräch noch nicht darum, sofort perfekte Lösungen anzubieten. Vielmehr legen die ersten gemeinsamen Minuten das Fundament für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, in der sich der:die Klient:in verstanden und gut aufgehoben fühlt.

Inhalte im Überblick

  1. Wie läuft das erste Gespräch ab?
  2. Welche Unsicherheiten treten auf?
  3. Welche Fragen werden gestellt?
  4. Wie bereite ich mich vor?
  5. Was sollte vermieden werden?

Wie läuft das erste Gespräch ab?

Das erste Beratungsgespräch, in der Praxis oft als Anamnese- oder Erstgespräch bezeichnet, folgt einer klaren Struktur, die sich in der psychologischen Beratung bewährt hat. Wir orientieren uns hierbei an den Prinzipien der Klientenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers, bei der Empathie und unbedingte Wertschätzung im Zentrum stehen. Es geht um den Menschen, nicht das Problem.

Die Phasen des Erstgesprächs im Überblick:

  • Ankommen & Rahmen abstecken (ca. 10 Min.): Begrüßung, Zeitrahmen klären, Erwartungsmanagement.
    Den Einstieg bildet eine kurze, freundliche Begrüßung, die das Eis bricht und eine angenehme Atmosphäre schafft. Hier wird auch der organisatorische Rahmen abgesteckt: Wie viel Zeit steht zur Verfügung und wie ist der Ablauf des Gesprächs gestaltet? Diese Transparenz nimmt dem Klienten oft die erste Befangenheit.
  • Freie Exploration & Anamnese (ca. 30 Min.): Das Anliegen des Klienten verstehen (Schlaf, Stress, Ernährung).
    Der Hauptteil des Gesprächs gehört dem Klienten. Es geht darum, die aktuelle Lebenssituation, gesundheitliche Gewohnheiten und konkrete Anliegen zu erfassen. Durch aktives Zuhören und gezielte Fragen formt sich ein Gesamtbild.
  • Zielvereinbarung & Ausblick (ca. 15 Min.): Gemeinsame Definition erster Meilensteine.
    Zum Ende des Gesprächs werden die ersten Erkenntnisse kurz zusammengefasst und gemeinsam realistische, kleine Meilensteine definiert. Ein Ausblick auf das weitere Vorgehen rundet den Termin ab, sodass der Klient mit einem klaren Gefühl für die nächsten Schritte nach Hause geht.
So führe ich als Gesundheitsberaterin mein erstes erfolgreiches Beratungsgespräch

Welche Unsicherheiten treten auf?

Berater:innen haben anfangs oft die Angst, eine Fachfrage nicht sofort beantworten zu können oder den Faden zu verlieren. Auch die Sorge, ob die eigene Kompetenz bereits ausreicht, um Menschen effektiv zu begleiten, begleitet viele Anfänger:innen.

Es hilft, sich bewusst zu machen, dass ein Beratungsgespräch kein Examen ist. Du musst nicht jede medizinische Detailfrage aus dem Stegreif beantworten können. Es zeugt sogar von hoher Professionalität, offen zu sagen: „Das ist ein Punkt, den ich für dich bis zum nächsten Mal genau nachschlagen werde.“

Auf der anderen Seite des Tisches bringt jedoch auch der Klient oft Unsicherheiten mit. Viele Menschen schämen sich für bestimmte Lebensgewohnheiten oder haben Sorge, für ihre Ernährungsweise oder mangelnde Bewegung verurteilt zu werden.

„In meiner Naturheilpraxis erlebte ich oft Klienten, die anfangs Symptome verschwiegen aus Angst vor Vorwürfen. Erst wenn du signalisierst, dass der Beratungsraum eine bewertungsfreie Zone ist, öffnet sich das Gegenüber.“
– Dr. Heidi Braunewell, leitende Dozentin der Weiterbildung „Gesundheitsberater:in (IHK)“

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Wichtig für die rechtliche Sicherheit:

In der Gesundheitsberatung geht es um präventive Gesundheitsförderung und Lebensstilmodifikation. Einem Gesundheitsberater:in ist es nach dem Heilpraktikergesetz untersagt, Diagnosen zu stellen und Heilversprechen zu gebe. Wenn im Gespräch Hinweise auf behandlungsbedürftige Erkrankungen (z.B. chronische Schlafstörungen oder Essstörungen) aufkommen, gehört es zur professionellen Pflicht, den Klienten an Fachärzte oder Psychotherapeuten zu verweisen. Diese Transparenz schützt Dich und Deine Klienten.

Welche Fragen werden gestellt?

Im Erstgespräch stehen offene Fragen im Vordergrund, die es dem Klienten erlauben, seine Situation umfassend zu schildern. Typische Fragen des Beraters orientieren sich an einem klassischen Gesprächsleitfaden und lauten beispielsweise: „Mit welchem Hauptanliegen kommst du zu mir?“ oder „Welche Gewohnheiten im Alltag tun dir aktuell gut und wo spürst du die größten Hürden?“. Auch der Schlaf, das Stresslevel und das persönliche Energieempfinden über den Tag hinweg sind wichtige Indikatoren.

Der Klient wiederum stellt oft ganz praktische Fragen, die seine Unsicherheit widerspiegeln: „Wie lange wird es dauern, bis ich eine Veränderung spüre?“ oder „Muss ich jetzt mein gesamtes Leben von heute auf morgen umstellen?“. Hier ist es deine Aufgabe, realistisch zu antworten und zu verdeutlichen, dass nachhaltige Prävention ein Weg der kleinen, machbaren Schritte ist und keine radikale Entsagung erfordert.

Wie bereite ich mich vor?

Eine gute Vorbereitung ist die wirksamste Medizin gegen Lampenfieber. Zur organisatorischen Vorbereitung gehört ein aufgeräumter, ruhiger Beratungsplatz, an dem keine Störungen durch Telefone oder andere Personen zu erwarten sind. Lege dir eine vorbereitete Checkliste und deinen Anamnesebogen bereit. Wenn der Klient vorab bereits einen Fragebogen ausgefüllt hat, lies dir diesen aufmerksam durch, um bereits erste Schwerpunkte im Geist zu strukturieren.

Zur Vorbereitung gehört aber auch die mentale Einstimmung. Nimm dir fünf Minuten vor dem Termin Zeit, um durchzuatmen, den Kopf frei zu bekommen und dich voll und ganz auf den Menschen zu fokussieren, der gleich den Raum betritt. Je strukturierter deine Unterlagen und je ruhiger deine innere Haltung sind, desto sicherer wirst du durch das Gespräch führen.

Was sollte man vermeiden?

Ein häufiger Fehler in den ersten Beratungen ist der sogenannte „Experten-Overkill“. Aus dem Wunsch heraus, besonders kompetent zu wirken, neigen Einsteiger dazu, den Klienten mit Fachbegriffen und theoretischem Wissen zu überhäufen. Das führt jedoch meist dazu, dass sich das Gegenüber überfordert oder unverstanden fühlt. Vermeide es auch, sofort fertige Ratschläge zu erteilen, bevor Du das Problem des Klienten in der Tiefe verstanden hast.

Um dies zu vermeiden, nutzen wir in der Ausbildung die Methoden des Motivierenden Interviewens (Motivationsförderung nach Miller und Rollnick). Statt fertige Ratschläge zu erteilen, lenken wir den Klienten durch gezielte, offene Fragen dazu, seine eigenen Ressourcen zu entdecken. Wenn ein Klient erzählt, dass er unter Stress abends zu Süßigkeiten greift, ist dies kein Anlass für Kritik, sondern der perfekte Hebel, um gemeinsam nach stressreduzierenden Alternativen zu suchen.

Das erste Beratungsgespräch ist der Beginn einer Lernkurve, die dich durch deine gesamte berufliche Praxis begleiten wird. Mit jedem Klienten wachsen nicht nur deine Erfahrung, sondern auch deine Intuition und deine Sicherheit im Umgang mit Menschen.

Veröffentlicht am: 12. Juni 2026

Die Autorin

Dr. Heidi Braunewell

Dr. Heidi Braunewell im InterviewDr. Heidi Braunewell ist promovierte Biologin, ausgebildete Heilpraktikerin und Expertin für Phytotherapie und Naturheilkunde. Aus ihrer Beratungspraxis bringt sie ein tiefes Verständnis der praktischen Seite der Gesundheitsberatung mit. Sie ist Dozentin unter anderem in der Ausbildung Gesundheitsberater:in (IHK) und Berater:in Schlafgesundheit.

„Ich bin Dozentin geworden, weil ich mein Wissen nicht nur für mich behalten wollte. Es macht mir einfach Freude, wenn ich andere auf ihrem Weg begleiten kann. Und dabei all das nutzen, was ich in meiner Naturheilpraxis und im Leben gelernt habe.“

Das Wichtigste in Kürze:

  • Dr. Heidi Braunewell promovierte über Arzneipflanzen.
  • Ihr Herzensthema ist die Naturheilkunde und die ganzheitlichen Gesundheit.
  • Sie ist ausgebildete Heilpraktikerin.
  • Dr. Heidi Braunewell ist Phytotherapeutin (GPT) und Mitglied des Vorstands der Gesellschaft für Phytotherapie.
  • Als Buchautorin ist sie in verschiedenen Fernsehsendungen und Rundfunkinterviews als Expertin gefragt.
  • Funfact: Sie ist Weltmeisterin und Weltrekordhalterin im Sport Stacking.
  • Dr. Braunewell arbeitet seit 1994 an der Akademie.
  • Sie lebt mit ihrer Familie in Butzbach.
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