Gesundheitsstress – Wenn der Wunsch nach Gesundheit krank macht
Es ist Sonntagabend. Du hast die Woche auf Zucker verzichtet, täglich deine Omega-3-Kapseln genommen, hast meditiert und Sport gemacht. Und trotzdem liegst du im Bett und grübelst, weil du heute bei Freunden doch ein Dessert gegessen hast und aus Zeitgründen deine Atemübungen ausfallen lassen hast.
Warum warst du nicht diszipliniert genug?
Warum warst du nicht standhaft und hast beim Schokopudding nein gesagt?
Wenn du morgen ein Glas Ballaststoffe extra trinkst, kannst du dein Darmmilieu wieder in Ordnung bringen?
Wäre es gut, die Atemübung jetzt noch nachzuholen? Oder wäre es besser, jetzt zu schlafen? Was davon ist gesünder?
Wenn dir diese Gedanken bekannt vorkommen: du bist nicht allein. Du bist auch nicht disziplinlos oder schwach. Du bist lediglich Teil eines Phänomens, das in unserer Gesellschaft gerade immer mehr Menschen betrifft. In dem Bestreben alles richtig zu machen, gesund und zufrieden zu sein, erreicht man plötzlich das Gegenteil: man wird unzufriedener, gestresster und vielleicht auch nicht so gesund, wie man sich das eigentlich vorgestellt hat.
Gesundheitsstress – ein neues Phänomen
In der Ernährungswissenschaft gibt es den Begriff Orthorexia nervosa bzw. Orthorexie. Er wurde in den 90er Jahren geprägt und beschreibt eine Essstörung, bei der die betroffene Person zwanghaft versucht, selbst auferlegte strenge Ernährungsregeln zu befolgen, um möglichst gesund zu sein. Ihre Regeln bestimmen nicht nur, was gegessen wird, sondern auch wieviel, wann, in welcher Zubereitung und in welcher Kombination. Diese Regeln befolgt sie sehr rigide. Meist verzichtet sie lieber auf das Essen, als eine der Regeln zu brechen. Wurde eine Regel dennoch gebrochen, reagiert die Person mit Angst vor gesundheitlichen Folgen und starken Selbstvorwürfen.
Das Phänomen der Orthorexie ist mit der zunehmenden Popularität verschiedener Ernährungsformen wie Keto, Vegan, Clean Eating oder Paleo aufgekommen. Der Gedanke, dass bestimmte Ernährung ungesund sein kann, löste bei manchen Menschen eine krankhafte Fixierung auf „gesundes Essen“ aus. Die Folge:
- Vermeidung sozialer Kontakte
- Stress und Angst vor ungesundem Essen
- Mangelernährung – bei starker Einschränkung der Lebensmittel
Gesundheitsstress ist viel weiter gefasst und bezieht neben Ernährung auch andere Bereiche des Lebensstils mit ein wie Bewegung, Schlaf und Psyche. Der Wunsch, das Leben perfekt zu leben, gesund und zufrieden zu sein, ist nicht neu. Aber in unserer modernen Welt ist es so leicht wie noch nie, sich dadurch extrem stressen zu lassen oder sogar Zwangsstörungen zu entwickeln. Wir wissen mehr als je zuvor über Krankheiten, gleichzeitig entfernt sich unser Lebensstil immer weiter von dem, was uns natürlicherweise gesund hält.
Wie entwickelt sich Gesundheitsstress?
Wir hören überall: Wir bewegen uns zu wenig, wir schlafen nicht genug, wir ernähren uns schlecht.
Dagegen möchte man etwas tun.
Aber was?
Darauf gibt es unzählige und auch widersprüchliche Antworten. Im Internet wächst die Zahl selbsternannter Gesundheitsexpert:innen mit den unterschiedlichsten Ideen, was man am besten für die eigene Gesundheit, Schönheit und die Seele tun sollte. Selbst unter Ärzt:innen hört man mitunter verschiedene Meinungen.
Also informiert man sich weiter und weiter, versucht sich ein eigenes Bild zu machen, probiert verschiedene Dinge aus und beginnt die Erfolge zu tracken mit Wearables wie Uhren oder Ringen, die den Schlaf aufzeichnen, den Blutzucker messen und die Schritte zählen.
Manch einem tut das gut.
Man fühlt sich gesünder, fitter, selbstbestimmter. Mitunter entwickelt man daraus sogar einen Teil der eigenen Identität und erschließt sich Freundes- und Bekanntenkreise, mit denen man zusammen zum Yoga-Retreat geht, mit denen man sich zum Joggen trifft oder über die neuesten Trendrezepte zur antientzündlichen Ernährung austauscht.
Andere stresst dieser Gesundheitstrend.
Es beginnt in vielen kleinen Momenten, in denen sich ein schlechtes Gewissen zu melden beginnt, wann immer man nicht ganz gesund gelebt hat. Der innere Kommentator, der anmerkt, dass der zweite Kaffee mit den Kolleg:innen sicher nicht gut für den Cortisol-Spiegel war. Das Gefühl, den Tag „falsch“ gelebt zu haben, weil man wegen des Regens nicht mit dem Fahrrad, sondern dem Auto, zur Arbeit gefahren ist.
Man vergleicht sich mit Influencern in den sozialen Medien, die trotz Kind, der Pflege ihrer Eltern und einem fordernden Job ihre straffe Morgenroutine schaffen, ihre Mahlzeiten immer am Abend vorher selbst zubereiten und perfekte Schlafwerte haben. Was eigentlich inspirieren soll, wird zu einer täglichen Messlatte, an der man zu kurz fällt.
Selbstoptimierung – Fürsorge oder Kontrolle?
Unsere Gesellschaft bringt uns von klein an bei, unseren Körper zu beobachten, zu bewerten und zu optimieren. Dabei tendieren wir aber eher zu einer Kontrolle über unseren Körper, als über wohlmeinende Fürsorge.
Fürsorge fragt: Was brauche ich gerade, um mich gut zu fühlen?
Kontrolle fragt: Was muss ich tun, um kein schlechtes Gewissen zu haben?
Die erste Frage kommt von innen und will, dass es uns besser geht. Die zweite Frage kommt von einer imaginären Bewertungsinstanz, einer Stimme, die von unseren Eltern, unserem weiteren sozialen Umfeld und den Medien geprägt ist.

Woran erkennst du, dass Gesundheit dich stresst?
Es ist nicht immer offensichtlich, denn oft akzeptieren wir Stress als „normal“ und erkennen nicht, dass wir etwas ändern können, um glücklicher zu sein.
Wenn du dir unsicher bist, stell dir folgende Fragen:
- Vermeide ich soziale Situationen, weil ich dann keine Kontrolle über mein Essen habe oder auf bestimmte Gesundheitsaktivitäten verzichten müsste?
- Fühle ich mich schuldig, wenn ich eine Ausnahme gemacht habe – statt sie zu genießen?
- Bereitet mir mein gesunder Lebensstil Freude bzw. fühle ich mich gesünder?
- Bewerte ich meinen Tag danach, ob ich alle Gesundheitsziele erreicht habe?
- Habe ich das Gefühl, nie gesund genug sein zu können?
Wenn du bei mehreren dieser Punkte innerlich genickt hast, dann kann das ein wertvoller Hinweis darauf sein, dass dein Körper und deine Psyche sich etwas mehr Entspannung wünschen.
Das Paradox: Wenn der Wunsch nach Gesundheit krank macht
Unser Nervensystem unterscheidet nicht zwischen einer echten Bedrohung und dem Gedanken: Das hätte ich lieber nicht essen sollen. Stress ist Stress und der Körper reagiert immer gleich darauf. Chronischer Gesundheitsstress bedeutet damit chronisch erhöhte Cortisolspiegel. Ein Hormon, das langfristig genau das untergräbt, was man mit dem gesunden Lebensstil eigentlich schützen möchte.
Ein hoher Cortisolspiegel stört den Schlaf, verlangsamt die Verdauung, fördert die Einlagerung von Bauchfett und macht es schwerer, überhaupt zu entspannen.
Anders gesagt: Das schlechte Gewissen nach dem Nachtisch ist physiologisch belastender als der Nachtisch selbst.
Vom Gesundheitsstress zurück zur Leichtigkeit
Leichtigkeit heißt nicht, die Gesundheitsambitionen hinzuwerfen. Es geht vielmehr darum, die Beziehung zu diesen Ambitionen zu verändern. Statt dich täglich akribisch zu managen, ist es hilfreicher, mit dir selbst in einen Dialog zu treten: Was brauchst du heute, was tut dir gut? Fühl genau hin und erkenne, wo etwas zwickt und wo du etwas verbessern kannst. Entdecke deine Intuition wieder und vertraue auf dein Bauchgefühl.
Wenn du merkst, dass die Angst vor „falschen“ Entscheidungen sehr groß ist, du dein Bauchgefühl noch nicht richtig deuten kannst, dann kann auch professionelle Begleitung durch Ernährungspsycholog:innen, Psychotherapie und Gesundheitscoaching wertvoll unterstützen.
Das 80/20-Prinzip für Gesundheit
Kontinuität ist wichtiger als Gesundheit. Ein Lebensstil, der 80% der Zeit auf Gesundheit achtet, und insgesamt entspannt und zufrieden macht, ist gesünder, als der Anspruch, immer zu 100% perfekt gesund zu leben und 40% der Zeit dafür in Schuldgefühlen oder Stress zu verbringen.
Selbstmitgefühl für mehr Gesundheit
Die Fähigkeit, mit sich selbst freundlich umzugehen, soll die Gesundheit stärker fördern und die Entscheidungsfähigkeit verbessern als Selbstkritik. Wer sich selbst geißelt, erzeugt vor allem Stress.
Gesundheit sollte sich gut anfühlen
Gesundheit ist kein Leistungssport, bei dem du immer mehr geben musst. Sie ist die tägliche Beziehung mit dir selbst, mit allem, was dazugehört, mit guten und schlechten Tagen.
Der gesündeste Schritt ist manchmal nicht die nächste Optimierung, sondern das Loslassen, Durchatmen und das Leben genießen.
Selbstoptimierung ist ein gutes Ziel für alle, die Freude daran haben. Wenn du keine Freude daran hast, schau mal, wie du dich fühlst, wenn du einen kleinen Tick weniger machst.
Wenn du lernen möchtest, wie du Gesundheit als Ressource und nicht als Druckmittel für dich nutzen kannst, wenn du Inspirationen suchst, die dich weiterbringen auf deinem Weg zu einem erfüllten Leben, das sich für Körper, Geist und Seele gut anfühlt, dann schau bei unseren Ausbildungen und Seminaren an der Akademie Gesundes Leben vorbei.
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