Gesundheitsberater:in – Mein erstes Beratungsgespräch
Der Moment, in dem die Theorie der Ausbildung endlich auf die Praxis trifft, ist für viele angehende Gesundheitsberater:innen ein Meilenstein. Nach Wochen oder Monaten des Lernens steht nun der oder die erste echte Klient:in bevor. Es ist ein Moment voller Vorfreude, der jedoch oft auch von einer spürbaren Nervosität begleitet wird.
„Als ich vor über 40 Jahren meine ersten Klienten in meiner Praxis begrüßt habe, ging es mir nicht anders: Die Angst, dem Gegenüber nicht sofort die perfekte Lösung präsentieren zu können, war mein ständiger Begleiter. Heute weiß ich aus über vier Jahrzehnten Praxis- und Dozentenerfahrung: Diese leichte Unruhe zeigt letztlich nur, wie wichtig einem die Qualität der Arbeit und das Wohlbefinden der Klienten ist.“
– Dr. Heidi Braunewell, leitende Dozentin der Weiterbildung „Gesundheitsberater:in (IHK)“
In der professionellen Gesundheitsberatung geht es im ersten Gespräch noch nicht darum, sofort perfekte Lösungen anzubieten. Vielmehr legen die ersten gemeinsamen Minuten das Fundament für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, in der sich der:die Klient:in verstanden und gut aufgehoben fühlt. Die psychologische Forschung zeigt immer wieder, dass die Qualität der Beziehung zwischen beratender Person und Klient ein zentraler Prädiktor für den Beratungserfolg ist [Quelle: Norcross & Lambert, Psychotherapy, 2011].
Inhalte im Überblick
Wie läuft das erste Gespräch? Eine gute Gesprächsstruktur
Ein professionelles Erstgespräch folgt einer klaren, transparenten Gesprächsstruktur, die dem Klienten Orientierung bietet und der beratenden Person Sicherheit schenkt. In unserer Beratungspraxis hat sich eine Unterteilung in fünf aufeinander aufbauende Phasen bewährt, die den Kern eines jeden strukturierten Gesprächsleitfadens bilden. Wir orientieren uns dabei an den Prinzipien der Klientenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers, bei der Empathie und unbedingte Wertschätzung im Zentrum stehen. Es geht um den Menschen, nicht das Problem.
- Die Ankomm- und Beziehungsphase (ca. 5–10 Minuten): Hier stehen die Begrüßung und der Beziehungsaufbau im Vordergrund. Ein respektvoller Smalltalk bricht das Eis und baut erste Barrieren ab.
- Die Auftragsklärung und Anamnese (ca. 20 Minuten): In diesem Schritt schildert der Klient sein Anliegen. Mithilfe gezielter Fragen werden der Ist-Zustand, gesundheitliche Gewohnheiten sowie eventuelle Kontraindikationen systematisch erfasst.
- Die Zieldefinition (ca. 15 Minuten): Gemeinsam wird erarbeitet, was durch die Beratung konkret erreicht werden soll. Ziele sollten dabei stets realistisch, messbar und positiv formuliert sein.
- Das erste Interventions- oder Beratungsfenster (ca. 10 Minuten): Es werden erste, leicht umsetzbare Impulse für den Alltag mitgegeben, die direkt ein Erfolgserlebnis ermöglichen.
- Der Abschluss und Ausblick (ca. 5 Minuten): Das Gespräch wird kurz zusammengefasst, organisatorische Rahmenbedingungen (Folgetermine, Honorar) werden geklärt und Feedback wird eingeholt.
Wissenschaftliche Untersuchungen zur Gesprächsführung belegen, dass eine transparente Strukturierung des Gesprächsablaufs die kognitive Belastung des Klienten senkt und das Vertrauen in die Fachkompetenz der beratenden Person stärkt [Quelle: Heritage, Research on Language and Social Interaction, 2010].
Welche Unsicherheiten treten auf?
Berater:innen haben anfangs oft die Angst, eine Fachfrage nicht sofort beantworten zu können oder den Faden zu verlieren. Auch die Sorge, ob die eigene Kompetenz bereits ausreicht, um Menschen effektiv zu begleiten, begleitet viele Anfänger:innen.
Fallbeispiel: Jens, 45 Jahre, Manager in einer großen Firma, ist chronisch übermüdet und fragt Dich im Erstgespräch nach der genauen biochemischen Wirkung sowie potentiellen Nebenwirkungen von Coenzym Q10 auf die Mitochondrienfunktion, die Du ad hoc nicht parat hast.
Es hilft, sich bewusst zu machen, dass ein Beratungsgespräch kein Examen ist. Du musst nicht jede medizinische Detailfrage aus dem Stegreif beantworten können. Es zeugt sogar von hoher Professionalität, offen zu sagen: „Das ist ein Punkt, den ich für dich bis zum nächsten Mal genau nachschlagen werde.“
Auf der anderen Seite des Tisches bringt jedoch auch der Klient oft Unsicherheiten mit. Viele Menschen schämen sich für bestimmte Lebensgewohnheiten oder haben Sorge, für ihre Ernährungsweise oder mangelnde Bewegung verurteilt zu werden.
„In meiner Naturheilpraxis erlebte ich oft Klienten, die anfangs Symptome verschwiegen aus Angst vor Vorwürfen. Erst wenn du signalisierst, dass der Beratungsraum eine bewertungsfreie Zone ist, öffnet sich das Gegenüber.“
– Dr. Heidi Braunewell, leitende Dozentin der Weiterbildung „Gesundheitsberater:in (IHK)“
In der Gesundheitsberatung geht es um präventive Gesundheitsförderung und Lebensstilmodifikation. Einem Gesundheitsberater:in ist es nach dem Heilpraktikergesetz untersagt, Diagnosen zu stellen und Heilversprechen zu geben. Wenn im Gespräch Hinweise auf behandlungsbedürftige Erkrankungen (z.B. chronische Schlafstörungen oder Essstörungen) aufkommen, gehört es zur professionellen Pflicht, den Klienten an Fachärzte oder Psychotherapeuten zu verweisen. Diese Transparenz schützt Dich und Deine Klienten.
Welche Fragen werden gestellt?
Im Erstgespräch stehen offene Fragen im Vordergrund, die es dem Klienten erlauben, seine Situation umfassend zu schildern. Die Qualität des Gesprächs bemisst sich dabei nicht daran, wie viel die beratende Person spricht, sondern wie klug sie Fragen stellt. Im Erstgespräch kommen verschiedene Fragetechniken zum Einsatz, die auf den Prinzipien der klientenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers und des Motivational Interviewing (Motivierende Gesprächsführung) basieren [Quelle: Miller & Rollnick, Meeting in the middle: motivational interviewing and self-determination theory, 2012].
Folgende Fragenkomplexe spannen den Bogen in Deinem Gesprächsleitfaden auf:
- Offene Einstiegsfragen: „Was führt Sie heute zu mir?“ oder „Welches Anliegen steht für Sie aktuell im Mittelpunkt?“ – Diese erlauben es dem Klienten, frei zu erzählen und eigene Prioritäten zu setzen.
- Ressourcenorientierte Fragen: „Was hat Ihnen in der Vergangenheit bereits geholfen, wenn Sie sich vitaler fühlen wollten?“ – Hierdurch lenkst Du den Fokus weg vom Problem hin zu bereits vorhandenen Stärken.
- Skalierungsfragen: „Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie hoch schätzen Sie Ihre aktuelle Energie im Alltag ein?“ – Dies hilft, abstrakte Empfindungen messbar und vergleichbar zu machen.
Studien zeigen, dass der gezielte Einsatz offener Fragen und das Reflektieren des Gehörten die Veränderungsmotivation von Klienten im Gesundheitsbereich signifikant steigern kann [Quelle: Rubak et al., British Journal of General Practice, 2005].
Der Klient wiederum stellt oft ganz praktische Fragen, die seine Unsicherheit widerspiegeln: „Wie lange wird es dauern, bis ich eine Veränderung spüre?“ oder „Muss ich jetzt mein gesamtes Leben von heute auf morgen umstellen?“. Hier ist es deine Aufgabe, realistisch zu antworten und zu verdeutlichen, dass nachhaltige Prävention ein Weg der kleinen, machbaren Schritte ist und keine radikale Entsagung erfordert.
Wie bereite ich mich vor? Deine Checkliste für den Einstieg
Eine sorgfältige Vorbereitung ist die halbe Miete, um Fehler zu vermeiden und Souveränität auszustrahlen. Sie umfasst sowohl die äußere Struktur als auch die innere Haltung. Unsere Erfahrung aus der präventiven Beratung verdeutlicht, dass eine strukturierte Vorbereitung das eigene Stresslevel vor dem Termin nachweislich senkt.
Nutze diese praxiserprobte Checkliste für Deine Vorbereitung:
- [ ] Raum und Atmosphäre: Ist der Raum gut gelüftet? Stehen Wasser oder Tee bereit? Ist die Sitzordnung so gestaltet, dass sie Offenheit signalisiert (z. B. über Eck statt frontal gegenüber)?
- [ ] Unterlagen und Dokumentation: Liegen Anamnesebogen, Datenschutzerklärung, Gesprächsleitfaden sowie Schreibutensilien griffbereit?
- [ ] Zeitmanagement: Hast Du einen Puffer von mindestens 15 Minuten vor und nach dem Gespräch eingeplant, um nicht in Zeitverzug zu geraten?
- [ ] Innere Sammlung (Zentrierung): Nimm Dir fünf Minuten vor dem Termin Zeit für ein paar tiefe Atemzüge. Schließe gedanklich vorherige Aufgaben ab, um ganz im Hier und Jetzt für Deinen Klienten da zu sein. Eine achtsame innere Haltung verbessert die therapeutische Präsenz messbar [Quelle: Geller & Greenberg, Psychotherapy Research, 2002].
Was sollte man vermeiden?
Ein häufiger Fehler in den ersten Beratungen ist der sogenannte „Experten-Overkill“. Aus dem Wunsch heraus, besonders kompetent zu wirken, neigen Einsteiger dazu, den Klienten mit Fachbegriffen und theoretischem Wissen zu überhäufen. Das führt jedoch meist dazu, dass sich das Gegenüber überfordert oder unverstanden fühlt. Vermeide es auch, sofort fertige Ratschläge zu erteilen, bevor Du das Problem des Klienten in der Tiefe verstanden hast.
Um dies zu vermeiden, nutzen wir in der Ausbildung die Methoden des Motivierenden Interviewens . Statt fertige Ratschläge zu erteilen, lenken wir den Klienten durch gezielte, offene Fragen dazu, seine eigenen Ressourcen zu entdecken. Wenn ein Klient erzählt, dass er unter Stress abends zu Süßigkeiten greift, ist dies kein Anlass für Kritik, sondern der perfekte Hebel, um gemeinsam nach stressreduzierenden Alternativen zu suchen.
Zusammengefasst, folgende Stolpersteine solltest Du aktiv meiden:
- Der Korrekturreflex (Righting Reflex): Wenn ein Klient von ungesunden Gewohnheiten erzählt, neigen Berater oft dazu, sofort ungefragt Ratschläge zu erteilen oder das Verhalten korrigieren zu wollen. Das kann beim Gegenüber zu psychologischen Widerstand führen [Quelle: Miller & Rollnick, 2012].
- Überfrachtung mit Fachwissen: Zu viele physiologische Details oder komplizierte Fachbegriffe überfordern den Klienten im ersten Schritt und bauen Distanz auf.
- Mangelndes aktives Zuhören: Wer während der Schilderungen des Klienten im Kopf schon die nächsten Ratschläge formuliert, verpasst wichtige Zwischentöne und nonverbale Signale.
Jeder erfahrene Coach hat irgendwann einmal sein erstes Beratungsgespräch gehabt. Betrachte das erste Gespräch nicht als Prüfung, sondern als eine respektvolle Begegnung auf Augenhöhe, bei der Du Deinen Klienten dabei unterstützt, den ersten Schritt auf seinem Weg zu mehr Gesundheit zu gehen. Mit einer klaren Struktur und echtem Interesse an Deinem Gegenüber schaffst Du dafür die besten Voraussetzungen.
Das erste Beratungsgespräch ist der Beginn einer Lernkurve, die dich durch deine gesamte berufliche Praxis begleiten wird. Mit jedem Klienten wachsen nicht nur deine Erfahrung, sondern auch deine Intuition und deine Sicherheit im Umgang mit Menschen.
Veröffentlicht am: 12. Juni 2026
Die Autorin
Dr. Heidi Braunewell

„Ich bin Dozentin geworden, weil ich mein Wissen nicht nur für mich behalten wollte. Es macht mir einfach Freude, wenn ich andere auf ihrem Weg begleiten kann. Und dabei all das nutzen, was ich in meiner Naturheilpraxis und im Leben gelernt habe.“
Das Wichtigste in Kürze:
- Dr. Heidi Braunewell promovierte über Arzneipflanzen.
- Ihr Herzensthema ist die Naturheilkunde und die ganzheitlichen Gesundheit.
- Sie ist ausgebildete Heilpraktikerin.
- Dr. Heidi Braunewell ist Phytotherapeutin (GPT) und Mitglied des Vorstands der Gesellschaft für Phytotherapie.
- Als Buchautorin ist sie in verschiedenen Fernsehsendungen und Rundfunkinterviews als Expertin gefragt.
- Funfact: Sie ist Weltmeisterin und Weltrekordhalterin im Sport Stacking.
- Dr. Braunewell arbeitet seit 1994 an der Akademie.
- Sie lebt mit ihrer Familie in Butzbach.